Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen

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Alles, was „grün“ ist, ist gut  -  der Höhenflug der Grünen, nicht nur in Deutschland, fügt sich in dieses Bild. Grün hat Konjunktur, Grün ist modern (oder besser: modisch), Grün ist  gutes Gewissen, Grün erobert vor allem die urbanen Zentren, Grün ist „Europas Mann auf dem Mond Moment“ ( EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen).

Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen  -  so der markante Spruch von Bundeskanzler Helmut Schmidt aus dem Jahr 1980  -  Ja, dieser Satz hat nichts, aber auch gar nichts an Wahrheit verloren, wenn man ihn vierzig Jahre später in die Jetzt-Zeit katapultiert. Der Satz galt damals den Visionen Willy Brandts. Heute kann man ihn getrost auf die hysterische Debatte und die ebenso hysterischen Verrenkungen der Politik in puncto Klimaschutz anwenden.

Alles, was „grün“ ist, ist gut  -  der Höhenflug der Grünen, nicht nur in Deutschland, fügt sich in dieses Bild. Grün hat Konjunktur, Grün ist modern (oder besser: modisch), Grün ist  gutes Gewissen, Grün erobert vor allem die urbanen Zentren, Grün ist „Europas Mann auf dem Mond Moment“ ( EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen).

Die Zahlen, die in diesem Kontext gehandelt werden, sind atemberaubend: Eine Billion Euro binnen zehn Jahren für den Investitionsplan für den Kampf gegen den Klimawandel ruft die EU Kommission auf. Der „Green Deal“ von der Leyens für die „Klimafestung Europa“ sieht steigende Preise für CO2 für ganz Europa vor. Alles, was das Klima schädigt, wird bepreist, also teurer: Autofahren, Heizen, Konsum und natürlich die Produktion. Im Klartext: Alle

müssen zahlen  -  der einfache Bürger, der kleine Mittelständler, die Industrie. Energie in Europa muss teurer werden – was schert uns da der Verbraucher, was schert uns die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen  -  der Wirtschaftsstandort Deutschland wir geschwächt, der Wirtschaftskontinent Europa ebenso. Und diese Debatte nimmt Fahrt auf.

Natürlich fragen sich Unternehmen unter solchen Vorzeichen: Wo sollen wir eigentlich in investieren? Die Antwort liegt auf der Hand  -  Die Vereinigten Staaten von Amerika, China, Indien, Brasilien  -  nur nicht Europa. So wird die energieintensive Industrie (Stahl, Chemie) dem teuren Europa den Rücken kehren und wandert in die Schwellenländer, wo sie natürlich noch mehr Scha-

den anrichten. Europa verliert so wichtige Industriejobs. Um gegenzusteuern wird die sogenannte „Carbon Border Tax“ aus der Taufe gehoben, ein Klimazoll, der verhindern soll, dass China und andere Umweltsünder den europäischen Markt mit CO2 intensiven, billigen Produkten fluten.

Da wird Marktwirtschaft durch Öko-Regulierung, durch Planwirtschaft ersetzt. Der Glaube an die Marktwirtschaft wird einem grünen Mantra geopfert. Wachstum wird so zu einer Kriegserklärung gegen die Natur umgedeutet. Selbst gross Investitionsfonds wie etwa Black Rock sind auf diesen medialen Kreuzzug aufgesprungen. Greta Thunberg setzt die Akzente und selbst Manager grosser Konzerne rennen in vorauseilendem Gehorsam hinterher.

Solche Szenarien mögen in wirtschaftlichen Aufschwungphasen vielleicht noch verkraftbar erscheinen; bei einem prognostizierten Wachstum von gerade noch 1 Prozent für das nächste Jahr für Deutschland und 1,1 Prozent für die Eurozone müssten spätestens alle Warnleuchten blinken. Es ist doch unübersehbar, dass gerade die Filetstücke der deutschen Wirtschaft negativ vorbelastet sind. In der Automobilindustrie stehen mit Blick auf die E Mobilität tausende Arbeitsplätze zur Disposition: Daimler wird weltweit 10 000 Stellen streichen, Audi 9500, BMW  5 bis 6000, Ford europaweit 12 000, bei der Kernmarke VW 5 bis 7000. In der chemischen Industrie steht ebenfalls ein Aderlass bevor: BASF 6000 und Bayer 12 000 weltweit. Auch in der Finanzindustrie stehen die Zeichen auf Minus: Deutsche Bank 18 000 weltweit; Unicredit 8000. Bei Siemens soll sich das Stellenkürzungsprogramm in den nächsten Jahren auf mehr als 13 000 Arbeitsplätze summieren. Selbst in der sog. Zukunftsindustrie Windkraft wird abgebaut. Der Windanlagenbauer Enercon muss nach Umsatzeinbrüchen 3000 Stellen streichen.

Das sind brutale Zahlen angesichts der Tatsache, dass der anstehende Strukturwandel mit E Mobilität, aus der Kohle, raus aus den Fossilen noch nicht einmal richtig begonnen hat und voll durchschlägt.

Nein, es soll hier kein Horrorszenario gegen den Klimaschutz aufgebaut werden. Es geht auch nicht um Klimaleugnung in Trump'scher Manier. Klimawandel ist ein Fakt und eine Herausforderung.                                                                

Seit der Jahrtausendwende haben die USA und Europa Fortschritte bei der Absenkung ihrer Treibhausgasemissionen gemacht (USA minus 6 Prozent, Europa minus 12 Prozent). Dieser Erfolg wurde aber von Spitzenemittenten China und Indien (China plus 125 Prozent; Indien plus 100 Prozent) radikal ausradiert. China allein erzeugt 13,1 Gt. CO2 und damit fast so viel wie der Rest der Welt. Ein hoher Anteil ist der Kohle geschuldet.

Aber es gibt auch Anlass zur Hoffnung. Es gibt Wege und Methoden, die uns auf intelligente Weise in die Lage versetzen, auf die Herausforderung des Klimawandels zu reagieren. Für den Klimawandel hat die Technologie oberste Priorität. In dem Automobilsektor führt der Weg zu Erdgas, zu Elektro- und Wasserstoffantrieb. Das ist unverzichtbar. Im Stromsektor müssen wir uns von der Kohle verabschieden. Mit Erdgas gelingt eine stabile Versorgungssicherheit

gerade für die Grundlast, die für unsere Wirtschaft so wichtig ist. Eine schnelle Reduktion der CO2 Emissionen in der Stromproduktion ist nur durch den Umstieg von Kohle auf Erdgas machbar. Solarenergie und Windkraft sind die sinnvolle und machbare Ergänzung. 

In der Schifffahrt ist der Abschied vom Schweröl ein Muss  -  Diesel und noch besser LNG sind Alternativen, die sofort abrufbar sind. In der Luftfahrt ist Kerosin wohl noch längerfristig alternativlos  -  aber auch hier ist der Einsatz von biogenen und synthetischen Kraftstoffen auf längere Sicht mehr als nur ein Denkmodell.

Transportverkehr wird ja gerne als eine der Hauptursachen für unsere Klimaprobleme gesehen. Tatsache aber ist: Nur zehn Prozent der globalen CO2 Emissionen entfallen auf LKW und PKW.

Fünfzig Prozent steuern der Stromsektor und die Landwirtschaft bei. Zwanzig Prozent emittiert die Industrie.  

Bei aller Diskussion um die Herausforderungen des Klimawandels  -  unsere Industrie- und Konsumgesellschaft ist auf Energie angewiesen. Aber der Klimaproblematik zwingt uns zu Entscheidungen: Wir müssen unsern CO2 Fussabdruck dramatisch verkleinern, ohne unserer Wirtschaft den Stecker zu ziehen und unsere traditionelle Lebensweise völlig zu ruinieren.

Für mich folgt daraus: Wir müssen raus aus der Kohle, aber wir können nicht auf andere fossile Energieträger verzichten. Wir brauchen Gas, wir brauchen Öl, aber wir sollten weniger davon verbrennen und mehr veredeln. Egal also, welches Szenario wir diskutieren: Öl steht ganz oben auf der Prioritätenliste. Wir brauchen Erdöl für petrochemische Hochleistungsprodukte wie Leicht-materialen, Medikamente und IT Produkte. Öl sichert Wohlstand. Also nochmals: Veredeln statt verbrennen. Auch so sinkt der CO2 Pegel. 

Die Öl- und Gasindustrie Europas ist ein Grundpfeiler der europäischen Energiesicherheit; sie ist Teil der Antwort auf die Herausforderung des Klimawandels.

Alexander Niemetz, Februar 2020

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