Duell der Kanzlerkandidaten - weibliche Gelassenheit oder männliche Wortgewalt

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Vorneweg - Wahlen werden nur selten in TV Duellen entschieden. Und dennoch, es ist eine Sache der Psychologie, sie können Schub geben oder Abstürze provozieren (Romney gegen Obama ist das amerikanische, Beck gegen Klöckner das deutsche Beispiel - die Wahl gewonnen haben in beiden Fällen dennoch die Amtsinhaber). 

TV Duelle sind gewissermaßen das Ferment der Wahlkämpfe; und noch etwas: sie sind in der Regel eine Chance für die Herausforderer. Aber: TV Duelle stehen selbstverständlich im politischen Kommunikationsumfeld der Wahlkämpfe. Verkorkste Leistungen im Wahlkampf, miese Umfrage Ergebnisse kann auch die beste Performance im Fernsehduell kaum kompensieren.

Steinmeier etwa war Merkel ebenbürtig im Duell, aber chancenlos in den Umfragen; gleiches gilt für Rüttgers gegen Kraft – dem Amtsinhaber nützte selbst ein beachtlicher Duell-Auftritt herzlich wenig; Schröder gegen Merkel, ein brisantes Duell auf Augenhöhe – es hat Schröder nicht genützt und hat auch Merkels Wahlkampf kaum gepuscht. Einzig in Schleswig-Holstein, im Duell Simonis gegen Carstensen, drehte der Herausforderer, mit einem Par Force Ritt in der Debatte, die Umfrageergebnisse und schließlich die Wahl. Übrigens: Alle eben genannten Duelle waren Mann-Frau Duelle, aber jedes von ihnen lebte von einer absolut eigenen Psychologie, die nichts aber auch gar nichts mit vermeintlich tradierten Stereotypen zu tun hatte. Der vermeintliche Macho Schröder gab sich gegen Merkel gefühlsduselig, emotional („Ich liebe meine Frau“), Merkel kommunizierte cool, konzentriert und gelassen, ohne weibliche Raffinesse, sie hielt sich strikt an ihre Botschaften.Carstensen gab den emotionalen Landesvater, war argumentationsstark und überraschte die emotionslose, fast starre Landesmutter Simonis.In Mainz war die Weinkönigin Klöckner mit einem offensiven, positiven Auftritt die Chefin im Ring und hielt den behäbigen, bärbeißigen Beck klar auf Distanz. Koch übrigens, der eigens von einer Psychologin auf Ypsilanti vorbereitet wurde, machte als vermeintlich rhetorischer Überflieger keine grandiose Figur; er blieb verklemmt blass. 

Mann oder Frau - männliche Wortgewalt oder weibliche Gelassenheit - für ein Fernsehduell ist das nicht entscheidend. Fernsehduelle sind der Resonanzboden für die Kommunikations-Strategie eines Wahlkampfes. Sie müssen also typen- und themengerecht sein. Sie sind eine inhaltliche und eine rhetorische Auseinandersetzung. Das heißt: Die Botschaften müssen stimmen, sie müssen zu den Duellanten passen und sie müssen im Stil überzeugen. Wer diesem Grundsatz nicht folgt, hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Polternde, arrogante oder gar testosteron-gesteuerte Aggressivität ist also deplatziert; genauso kontraproduktiv ist der emotional überladene Gestus. Kommunikations-psychologen halten eine positiv- offensive Argumentation allemal für stärker, als die negativ-defensive (übrigens: eine klare Absage an das angeblich so erfolgreiche „negativ campaigning“, welches den US Wahlkampf dominierte) Nochmals: Die typengerechten Botschaften sind entscheidend. Damit bin ich beim Duell Merkel gegen Steinbrück. Die Ausgangslage: Ein Bild aus der Zeit der Großen Koalition hat sich in das Bewusstsein der Wähler eingebrannt - Merkel und Steinbrück, die Krisenmanager in der Finanzkrise, die gemeinsam die Spareinlagen der Deutschen garantieren. Kluge, gemeinsame, unaufgeregte Politik, die Vertrauen schafft. Merkel, die ihre Marktliberalen Reformagenda entschärft hat, und Steinbrück, der loyale und überzeugte Nachlassverwalter von Schröders Agenda 2010, haben sich gefunden. Sie reformieren gemeinsam (Rente mit 67), sie sanieren gemeinsam (Hypo Real Estate, Commerzbank), sie stehen beide für die gleiche Fiskalpolitik (gegen höhere Steuern, für solide Finanzen, Konjunkturprogramme zur Stützung der Realwirtschaft), sie vertrauen gleichen arbeitsmarktpolitischen Rezepten (Kurzarbeitergeld, Hartz IV) in der Krise; sie demonstrieren Schulterschluss in der Europa-Politik. Kurz: Sie sind Garanten für den Erfolg der Großen Koalition, sie sind die Krisenmanager par excellence. Das Bild hat sich eingebrannt. Gewiss: Politik steht nicht still; die Themen haben sich geändert; auf die Krise der Finanzmärkte folgte die Staatsschuldenkrise, die Euro-Krise; die Regulierung der Finanzmärkte (der Banken, der Hedgefonds, der Börsen) beschäftigt G20, die europäischen und die nationalen Regierungen; die Bundestagswahl 2009 verändert das politische Koordinatensystem in Deutschland. Merkel bleibt Kanzlerin, bestimmt weiter die Richtlinien der Politik, pragmatisch, leise, fast präsidial. Steinbrück wird Buchautor, Vortragsredner und Frontmann für die Agenda 2010, aber er setzt auch neue Akzente: Bankenregulierung, Finanztransaktionssteuer, Euro-Rettung. Er tut es laut, wortgewaltig, provokant, wenn auch meistens auf alter Linie. Wie nahe er immer noch an Merkel ist, zeigt eine zentrale Personalie: Merkels wichtigster Mann in Sachen Finanz- und Schuldenkrise, in Sachen Euro-Rettung, ist ein Steinbrück-Mann, Jörg Asmussen. Und schließlich, der qualvolle Dauer-brenner Eurorettung: Steinbrück und die SPD tragen den Kurs der Kanzlerin im Bundestag verlässlich mit (bei allen Nuancen und Unterschieden etwa zum Thema Eurobonds). Europäischer Fiskalpakt und Banken-Union sind gemeinsames europapolitisches Rüstzeug für Schwarz-Gelb und Rot-Grün. Das alles ist natürlich schon eine gewaltige Hypothek für den Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Er muss die Kanzlerin herausfordern. Politische Volten rückwärts verbieten sich, sie zerstören Glaubwürdigkeit, sind also kontraproduktiv – zumal Merkel in puncto Glaubwürdigkeit in Umfragen weit vor dem Herausforderer liegt. Geschmeidige Anpassung paßt nicht zum Charakter, zur Rhetorik, zum Selbstverständnis des Peer Steinbrück - er will, er kann kein Duell in der Tonlage Merkel-Steinmeier. Also muss er das thematische, politische Koordinatensystem verschieben, differenziert neue Themen setzen, um angreifen zu können, um ein Signal für einen Richtungswahl setzen zu können: Soziale Gerechtigkeit („Deutschland braucht mehr „Wir“ und weniger „Ich“!“), Steuererhöhungen (Spitzensteuersatz, Erbschaftssteuer, vielleicht Reichensteuer), Finanztransaktionssteuer; Bändigung der Banken und Finanzmärkte; Mindestlohn. Steinbrücks Problem: Das ist zwar durch und durch sozialdemokratisch, aber Steinbrück wirft alte, bekannte Überzeugungen über Bord, dementiert sich selbst. Auch das nennt man Glaubwürdigkeitsproblem. Die Kanzlerin ficht das nicht an, sie weiß, was der Wähler erwartet: Erst Wohlstandssicherung, dann Gerechtigkeit – sie wird bei guter Wirtschaftslage ihre Wirtschaftskompetenz in die Waagschale werfen. (Auch da liegt sie in Umfragen weit voraus). Die hohe Beschäftigung und die relativ geringe Arbeitslosigkeit, der Rückgang der Hartz IV-Bezieher spielen ihr in die Hände. Sie gilt als verlässliche Steuerfrau in der Euro-Krise, die Solidität und Solidarität in der Balance hält und so deutsche Interessen und Fortschritte in Europa gewissermaßen unter einen Hut bringt. Auch hier erhält sie in Umfragen einen Vertrauensvorschuss vor ihrem Herausforderer. Merkel mag nicht die Kanzlerin der Visionen sein, aber sie strahlt eine Bodenständigkeit aus, eine Stetigkeit, die bemerkenswert ist. Natürlich hat sie Positionen gewechselt, Ballast über Bord geworfen; sie hat im Handstreich sozialdemokratische und grüne Themenparks geentert (Familienpolitik, Atomausstieg, Mindestlohn usw.) und damit auch den konservativen Flügel der Christdemokraten frustriert. Aber mit ihrem sturen Pragmatismus hat sie an Popularität und Vertrauen gewonnen. Das Resultat zeigt sich in ihren Umfrageergebnissen. Wann hat die Union zuletzt die 40 Prozent-Marke übertroffen? Die Umfragen zu den Kandidaten sowie der verpatzte Einstieg des Kanzlerkandidaten Steinbrück in die Wahlkampfarena beschreiben zum Auftakt des Wahljahres folgendes Szenario: Steinbrück muss angreifen, Steinbrück muss punkten, er muss dabei weit in die Mitte hineingreifen, muss aus dem 30 Prozent-Ghetto raus, wenn er siegen will. Und der SPD Mann setzt ausschließlich auf Sieg, Kanzlerschaft oder nichts - er steht für eine große Koalition nicht zur Verfügung, er begibt sich somit in die babylonische Gefangenschaft mit den Grünen. Dafür wollte Steinbrück „Beinfreiheit“, weil er realisierte, dass seine Beliebtheit beim Wahlvolk vor allem darauf beruht, dass es in ihm keinen lupenreinen Sozialdemokraten sieht. Kanzlerin Merkel ist in viel komfortablerer Lage: Schafft es die FDP, ist nach heutigem Stand Schwarz-Gelb möglich; in einem vier Parteien Bundestag mit Union, Sozialdemokraten, Grünen und Linkspartei wird gegen sie kaum regiert werden können, wenn sie an die 40 Prozent herankommt. Sie hat dann mehrere Koalitionsoptionen. Steinbrück wird also klare Kante zeigen, wird wortgewaltig ein rhetorisch aggressives Sperrfeuer herbeizaubern - anders kann er nicht, er ist kein Mann der leisen, gefühlvollen Töne, kein Kümmerer wie etwa Ministerpräsidentin Kraft. Er kann nicht den Anwalt der sozial Schwachen, dagegen steht der Nimbus des honorarhungrigen Vortragsredner bei den klammen Stadtwerken Bochum; man würde ihm den harten Dompteur der Banken und Finanzmärkte abnehmen, hätte er nicht als gefeierter Star die Banken gegen Geld mit seinen politischen Erkenntnissen konfrontiert; selbst als Kämpfer für die Steuergerechtigkeit taugt einer kaum, der erst nach Staatsanwaltschaft-licher Intervention einen Vortrag bei einer Schwarz-Geld infizierten Schweizer Bank absagt - notabene am Tag vor seiner Nominierung auf dem SPD Parteitag. Peer Steinbrück, der ehrliche Makler, der Kandidat, der auf das „Wir “statt auf das „Ich“ setzt - so möchte er sich inszenieren. Gegen Angela Merkel, die Taktiererin, die Meisterin der Macht, die Hinterzimmer-Kanzlerin, die Frau ohne Überzeugungen. Das ist ein ziemlich schwieriger Part. Und der Grat zwischen klarer Kante und Instinktlosigkeit ist schmal. Kanzlerin Merkel kann also die Rolle spielen, die sie liebt: Gelassen abwarten. Sie hat bisher schweigend das Schauspiel Steinbrückscher Selbstdemontage verfolgt (sie pflegt ja einen zurückhaltenden, bescheidenen Lebensstil, ohne Hang zu „Zigarre und Brioni“). Sie muss auch im Duell nicht auftrumpfen, politische Fakten sind ihre besten Botschaften (Wachstum, Arbeitslosen-zahlen, die Euro-Rettung usw.) Mit testosterongesteuerten politischen Antipoden hat sie Erfahrung aus ihrem eigenen, christdemokratischen Sprengel; sie hat in einem brisanten Duell gegen Kanzler Schröder bella figura gemacht. Steinbrück attestiert Frau Merkel einen Frauenbonus. Ja, Merkel punktet bei Frauen besonders, aber sie hat Umfragemehrheiten auch bei Männern - und die wählen sie nicht, weil sie eine Frau ist.

Alexander Niemetz Januar 2013

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