Das griechische Drama

Griechenland |

Alexander Niemetz

Griechenland hat gewählt: Würde, Stolz, Selbstbestimmung, Euphorie haben einen Namen  - Alexis Tsipras. Hellas Held, in dunklem Anzug und offenem Hemd, sieht sich nicht nur als Retter Griechenlands, sondern als Rebell für ein besseres Europa. Und der Gewählte (oder sagt man besser Erwählte) fackelt nicht lang - er weiß, was er seinen Wählern schuldig ist: Überflüssige Beamte werden wieder eingestellt, Privatisierung gestoppt, die Renten und Mindestlöhne erhöht. Der griechische Weg, zurück in die Vergangenheit. Bluten sollen andere, die Schuld für alles Übel liegt  ohnehin bei den anderen.  Der Staat ist zurück. Die Griechen gingen auf Pump in die Katastrophe, nun wollen sie auf Pump aus der Katastrophe. Nicht verwunderlich, dass der griechische Steuerzahler im euphorischen Vorgriff die eigenen Steuern reduzierte. 

Der neue griechische Finanzminister Varoufakis ist Professor für Spieltheorie: Also bittet er Europa zum Sirtaki – Europa soll griechisch tanzen lernen: Schuldenschnitt oder mindestens ewige Anleihen und Zinsen am Wachstum orientiert; weg mit den monströsen Sparauflagen und vor allem weg mit der Troika aus IWF, EZB und Europäische Kommission (weg mit den Männern mit den Excel-Tabellen) - EuropäischeVerträge sollen durch griechische Reform- und Sanierungs-Pläne ersetzt werden. Europa soll nach griechischen Rezepten genesen. Ein neues Regime soll Europa erneuern, ein Regime, das vor allem Geld verteilen soll: von oben nach unten vom Norden in den Süden.

Nur eine Woche und ein paar Tage später: Die europäische Road-Show der griechischen Revolutionäre ist Geschichte. Die Charme Offensive gegen Austerität und Merkelismus kam schnell ins Stottern. Ja, man fliegt Linie, Economy, ohne Krawatte, mit Lederjacke, man begrüsst mit Handschlag, die zweite Hand in der Hosentasche. Der Stil wenigstens hat Charme, hat einen Anflug von Revoluzzertum - bloss, der Funke will nicht zünden, nicht überspringen; nicht einmal im sparmüden Süden. Gewiss man wird freundlich empfangen: In Renzi's Rom eine Krawatte als Geschenk, lächelnde Sympathie – aber Bruder im Geiste will der Sozialdemokrat nicht werden.

In Hollande's Paris: Aufmunternde Worte, lächelndes Verständnis eines ebenso reform-geprügelten Präsidenten – doch mehr als der wissende Hinweis „Reformen sind manchmal hart,auch bei uns“, gibt es im Elysee nicht. Brüssels Juncker küsst seinen Gast, nimmt ihn demonstrativ bei der Hand - ja, man will verhandeln, Spielräume ausloten; Europa heisst Kompromiss nicht Spieltheorie und schon gar nicht „mit dem Kopf durch die Wand“. In Merkels Berlin bescheidet Finanzminister Schäuble seinem griechischen Kollegen: Wir sind uns einig, dass wir nicht einig sind. Draussen übrigens Hurra und Hochrufe für den Gast aus Athen – Applaus von linken Demonstranten – immerhin.

A Propos Spieltheorie: Zum Spielen braucht es mindestens zwei. Einen haben die Griechen in Frankfurt gefunden: Mario Draghi, den Chef der EZB. Dieser wird, seit er die Euro-Bazooka schwingt, gern als spielender Zocker, als Financier des klammen Südens verspottet. Draghi nimmt Tsipras, Varoufakis und Co. ernster als die Politik; er lächelt die Road-Show-Gäste nicht weg, setzt nicht auf Abwarten, sondern auf Druck: Die EZB tritt noch in der Nacht nach dem Griechen Besuch auf die Kapitalbremse. Griechische Staatsanleihen auf Ramschniveau können ab 11. Februar nicht mehr als Garantie für frisches Geld hinterlegt werden. Die griechischen Banken ächzen ohnehin unter stetem Abfluss von Kundengeldern. Nun geht der Geldhahn aus Frankfurt zu. Erlaubt sind nur noch Notkredite, sogenannte ELA's - die nächste Stufe heißt wenig verheißungsvoll: Pleite.

Die EZB springt für die Politik, für die Regierungen in die Bresche, zieht die Notbremse; es hat schon einmal funktioniert, als die bankrotten Zyprioten in einem Anflug von politischem Harakiri, die europäischen Reformauflagen im Parlament niederstimmten, einen vergeblichen Flirt mit Moskau wagten. Ministerpräsident Tsipras hat seine Europa Road-Show auf Zypern begonnen – auch er zwinkerte ja zunächst unverhohlen nach Moskau, in Sachen europäische Sanktionen und mit Blick auf Kredite. Wenn das kein Omen ist!

Die Ankündigung der EZB: Ein Tiefschlag für den geschockten Tsipras, wo er doch auf eine europäische Atempause für seine Reformpläne hoffte. Ein kurzes nächtliches Telefongespräch mit Draghi konfrontiert ihn mit dem Realitätscheck. Ihm geht spätestens in dreißig Tagen das Geld aus. Dann endet das laufende griechische Hilfsprogramm, dann wären seine Wahlversprechen Makulatur. Und Tsipras bleibt sich treu: Es geht wieder um Würde, Stolz, Selbstbestimmung, demokratische Glaubwürdigkeit. Also drückt er auf den Reset-Button, zurück in den Wahlkampfmodus - er holt die Wähler zurück auf die Straße.

In den nächsten dreißig Tagen wird sich also erweisen, ob der Regierungswechsel in Athen tatsächlich so etwas wie ein neues Kapitel der europäischen Rettungspolitik markiert - oder ob es der Anfang vom Ende ist. Es wird Zeit für die Wirklichkeit. Politische Realität kann brutal sein, aber auch heilsam. Griechenland war - unter Schmerzen – auf einem halbwegs guten Weg. Katharsis nennt sich dies in Griechisch. Tsipras müsste wissen, was das heißt.

Alexander Niemetz, Februar 2015

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