Das Datenmonster - Cambridge Analytica

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Das Monster hat einen Namen: Cambridge Analytica. Dabei steht die dubiose Politmarketing Firma nur am Ende einer unendlich langen Problemkette mit dem Namen Facebook.

Natürlich ist es ein dramatischer Exzess, wenn ein unseriöser Marketing Dienstleister wie Cambridge Analytica über fünfzig Millionen Konten von nichtsahnenden Kunden von Facebook entert; wenn die gleiche Firma daraus Psychoprofile von US Wählern erstellt und diese dann der Trump Kampagne für den Wahlkampf zur Verfügung stellt. Noch dramatischer wird es, wenn der Chef dieser Firma - vor versteckter Kamera des TV Senders Chanel 4 News - Dienste zur Wahlbeeinflussung anbietet, mit Hilfe getürkter Enthüllungsvideos, Prostituierten, Bestechung und Spionage.

Aber - wie schon gesagt - Cambridge Analytica ist nur das Ende einer Problemkette. Dass das Unternehmen an Facebook so problemlos andocken konnte, das liegt am lässigen Facebook Slogan:
„Give everyone the power to share anything with everyone“. Facebook schafft zwar Regeln, kümmert sich aber einen Dreck darum, Verstösse wirklich und schmerzhaft zu ahnden, die Probleme ernsthaft zu beheben. Im Gegenteil, Facebook mit Klagedrohungen und Vorabmeldungen die Veröffentlichung des Skandals zu sabotieren - was Gott sei Dank nicht gelang. Facebook Chef Mark Zuckerberg tauchte für Tage ab – nach dem Motto: Aussitzen - umsonst! Die Bugwelle war nach Chanel 4, The Guardien und der New York Times zu gewaltig, der Proteststurm weltweit zu laut. Der Schutzwall, den der Techriese aus Silicon Valley aufgebaut hatte. Hielt nicht Stand. Facebook sah sich plötzlich im Auge eines medialen Wirbelsturms, der zu einem ungewohnten und deutlichen Aktieneinbruch, zu politischen Verwerfungen und vor allem aber zu einem massiven Vertrauensverlust führten; und zwar genau dort, wo es am meisten schmerzt, bei Facebook Usern.

„Big Tech“ wurde fast über Nacht „Bad Tech“. Nun, da sich die Politik grenzüberschreitend empört (Die Justizkommission des US Senats will Zuckerberg vorladen; Gleiches soll im britischen Unterhaus passieren; die Europäische Kommission fordert Aufklärung, nationale Regierungen sind entsetzt) muss die Frage erlaubt sein: In welchem Paralleluniversum mögen sich die jetzt zahlreichen Kritiker bislang wohl aufgehalten haben: Facebook hat die Daten seiner Kunden noch nie geschützt. Es hat sie gesammelt, ausgewertet, Anschuldigungen, die sich in der Regel gegen Trumps Konkurrentin Hillary Clinton richteten.

Wenig später kam ans Licht, dass russische Akteure genau jenes Potential ausnutzten, um die Wahl in Amerika zu beeinflussen. 120 Millionen Facebook Nutzer bekamen russische Anzeigen zu Gesicht - ohne das Facebook die amerikanische Öffentlichkeit informierte. Das führte selbst bei Facebook zu internen Debatten und letztlich zum Protest-Rücktritt von Sicherheitschef Stamos.

Weitere Recherchen brachten Facebook noch mehr unter Druck. Facebooks Anzeigensystem lässt sich erstaunlich leicht missbrauchen und austricksen: Makler konnten Immobilien-anzeigen schalten und dabei Schwarze ausschliessen; Facebook ermöglichte es, gezielt Antisemiten und Rassisten anzusprechen. Im Anzeigenmanager ließen sich Interessenten wie „Klu-Klux-Clan“ oder „Wie verbrennt man Juden“ auswählen. Das offenbart das gewaltige Desinformationspotenzial, welches Facebook zulässt und ermöglicht.

All dies gerät nun mit dem Cambridge Analytica Skandal mit Macht in den politischen Focus. Deutschland machte mit seinem „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ (gegen allerhand Widerstand der Lobbyisten) den Anfang. Andere Länder, wie Frankreich, werden folgen. Politik denkt erstmal darüber nach, Facebook ernsthaft zu regulieren.

Jahrelang wurde viel geredet, aber wenig getan. Jetzt prüft die Datenschutzbehörde in Grossbritannien, ob Facebook zu spät darüber informiert hat, dass Daten zu Cambridge Analytica abgeflossen sind. Politiker in den USA und Großbritannien wollen Facebook Chef Zuckerberg vorladen; und auch EU Parlamentspräsident Tanjani kündigt Untersuchungen an.

Echte Gefahr droht Facebool an zwei Fronten: Skandale können den Ruf so weit beschädigen, dass Unternehmen nicht mehr in einem so belasteten Umfeld werben wollen. Oder: Politiker können die Geduld verlieren und Steuern einführen oder Gesetze erlassen, die Facebook empfindlich treffen. Das erste Szenario ist bereits Wirklichkeit: Ausgerechnet Elon Musk, Tesla Chef, löschte publikumswirksam seinen Facebook Account; mehrere grosse Konzerne haben ihre Werbung auf Facebook storniert. Das sind Alarmzeichen. Aber auch das zweite Szenario ist absolut realistisch:

Regulierung durch die Politik, durch Gesetze, durch Steuern, durch Strafen ist ebenso düster für Facebook. Die Handelskommission der US Regierung will klären ob der Konzern gegen eine Vereinbarung aus dem Jahr 2011 über Nutzerinformation in puncto Persönlichkeitsrechte verletzt hat.

Sollte sie fündig werden, droht eine Strafe von 40 000 Dollar für jeden Tag, an dem die Vereinbarung verletzt wurde.

Diese Aussicht, gepaart mit dem unerklärlichen, langen Schweigen der Facebook Führung, trugen zu Fieberschüben an der Börse bei. Der Marktwert des Unternehmens ist wegen des Debakels um 50 Milliarden oder 10 Prozent eingebrochen.

Eines ist mittlerweile klar geworden: Der wilde Internet-Westen und seine Goldgräber brauchen Regeln - und Sheriffs, die diese strikt durchsetzen. Denn die Branche wird allen Krokodilstränen und Sonntagsreden zum Trotz einen Teufel tun, sich selbst einzuschränken. Ein Land allein wird sich gegen die Internetgiganten nicht durchsetzen können. Aber dass sich jetzt in Deutschland, in Grossbritannien und sogar in den USA die Politik über richtige und gezielte Regulierungen Gedanken macht - das stimmt optimistisch. Ziel muss es sein den Internetnutzern gegenüber den Tech-Giganten den Rücken zu stärken.

Alexander Niemetz, März 2018

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